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Emanuel Rotstein im Interview

06.05.2015 |

Nach den deutschen Überlebenden der Anschläge vom 11. September und der überlebenden israelischen Athleten des Olympia-Attentats in München widmete sich der Dokumentarfilmer Emanuel Rotstein nun der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau. Mit Sky sprach er über die Entstehung und über Hintergründe seiner neuen Dokumentation "Die Befreier".
Herr Rotstein, wie entstand die Idee, eine Dokumentation über die Befreier des Konzentrationslagers Dachau zu drehen?
Wir suchen bei History nach Themen, die einerseits einen Aspekt der deutschen Geschichte erzählen, andererseits globale Signifikanz haben. Außerdem möchten wir natürlich auf das öffentliche Interesse am 70. Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung der Konzentrationslager reagieren. Uns fiel auf, dass die Perspektive der Befreier bisher kaum berücksichtigt wurde. Diese Lücke möchten wir schließen.

Dafür haben Sie Zeitzeugen interviewt?
Ja, wir haben mit vier US-Veteranen und drei KZ-Überlebenden gesprochen. Außerdem haben wir Archivmaterial verwendet, das damals von amerikanischen Soldaten aufgenommen wurde, und wir haben in Dachau gefilmt.

Wie haben Sie die Zeitzeugen ausfindig gemacht?
Wir haben zunächst mit der klassischen Sekundärquellenrecherche begonnen und uns an Veteranenverbände gewendet. Teilweise kamen die Kontakte auch über das United States Holocaust Memorial Museum in Washington und über die KZ-Gedenkstätte in Dachau zustande.

Einige Ihrer Interviewpartner sind zum ersten Mal vor die Kamera getreten.
Ja. Als sie aus dem Krieg zurückkehrten, waren sie noch junge Männer. Damals wollten sie nicht mehr an den Krieg und an Dachau denken. Erst im Alter haben sie begonnen, ihre Geschichten zu erzählen. Aber sie hatten noch nicht im Fernsehen gesprochen. Wir holen sie zum ersten Mal auf eine große Bühne.

Gab es in den USA ein öffentliches Interesse an den Erlebnissen der Soldaten, die an der Befreiung der Konzentrationslager beteiligt waren?
Bis in die 80er-Jahre hinein eigentlich kaum. Dann gab es die ersten wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Thema. Mit der Schaffung des United States Holocaust Memorial Museum in Washington wurde auch den Befreiern zum ersten Mal ein Denkmal gesetzt.

Als die US-Soldaten, viele von ihnen waren noch sehr jung, beim KZ Dachau eintrafen, bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Was hat das bei den Soldaten bewirkt?
Ich glaube, sie merkten zum ersten Mal, wofür sie gekämpft hatten. Nachdem sie das gesehen hatten, fanden sie, dass es sich gelohnt hatte, in den Krieg zu ziehen und so viele Männer zu opfern. Jetzt verstanden sie, wofür das Nazi-Regime stand.

Wie haben die Veteranen diese Eindrücke bewältigt?
Daniel Gillespie, einer unserer Zeitzeugen, sagte, dass er nach dem Krieg oft dem Selbstmord nahe war, weil er die Erlebnisse nicht verarbeiten konnte. Noch heute sind viele Veteranen kaum in der Lage, in Worte zu fassen, was sie gesehen haben.

Vor einigen Monaten haben Sie eine Szene aus dem Film veröffentlicht, die international großes Aufsehen erregte: Joshua Kaufman, ein KZ-Überlebender, kniet vor dem Veteran Daniel Gillespie nieder und küsst ihm die Füße. Wer sind die beiden?
Joshua Kaufman stammt aus Ungarn. Nach dem Einmarsch der Deutschen kam er nach Auschwitz. Er hat fast seine komplette Familie verloren und musste durch die Selektion an der Rampe von Mengele. Aus Auschwitz kam er frei, weil er sich immer wieder für den Arbeitsdienst gemeldet hat. Später musste er in Mühldorf [ein Außenlager des KZ Dachau, Anm d. Red.] beim Bau eines Untergrundbunkers für Messerschmitt arbeiten. Das war eine höllische Arbeit, mit zehntausenden Toten. Der Tag der Befreiung war für ihn ein neu geschenktes Leben. Im Film erzählt er, dass er zu geschwächt war, um den amerikanischen Soldaten seinen Dank auszusprechen. Der Wunsch, seine Dankbarkeit auszudrücken, hat ihn sein ganzes Leben lang beschäftigt. Auch Daniel Gillespie haben die Erlebnisse in Dachau sein Leben lang verfolgt. Er ist froh, dass er Menschen helfen konnte, aber auch traurig, dass er nicht früher dort sein konnte. Er denkt, dass er wenig tun konnte.

Sind die beiden seit diesem Treffen noch in Kontakt?
Ja, sie telefonieren und sie treffen sich. Das bedeutet ihnen wahnsinnig viel. Daniel sagte, er habe nur seine Pflicht getan. Er wollte keinen Dank. Aber nun tut es ihm sehr gut, dass er im hohen Alter noch mal Dank und Anerkennung erhält, für das, was er getan hat. Im März wurden die beiden bei einer Veranstaltung des US Holocaust Memorial Museum in Los Angeles geehrt.

Welche Haltung haben die Überlebenden und Befreier, die Sie interviewten, heute zu Deutschland?
Absolut versöhnend. Sie haben das Gefühl, dass die nachwachsende Generation, für die Taten ihrer Vorfahren nicht zur Verantwortung zu ziehen ist. Sie sind extrem begeistert von der historischen Auseinandersetzung in Deutschland mit der Thematik. Sie tragen nur noch wenig Gram in sich.

Was nicht selbstverständlich ist.
Nein, aber sie sagen, dass Gram und Hass sie nur lähmen würden. Sie könnten kein normales Leben führen, wenn sie von Hass zerfressen wären.

Was sollte eine gute Geschichtsdokumentation Ihrer Ansicht nach leisten?
Sie sollte uns berühren. Wir können Geschichte und Information nur über echte Emotionen transportieren. Wenn ich einen Film mache, möchte ich die Leute auf einer emotionalen Ebene erreichen. Die Informationen werden zwischen den Zeilen transportiert. Man muss den Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute fesseln. Wenn er am Ende sagt, dass ihm die Interviewpartner nahe gegangen sind, dann haben wir es richtig gemacht.

Interview: Dirk Buhrmann