05.09.2010 09:00 Uhr Formel 1

Als die Formel 1 ihren ersten Popstar verlor

Er war der James Dean der Formel 1. Und Jochen Rindt starb ähnlich tragisch. Die Saison 1970: bei fünf Rennen hatte er die Zielflagge als Erster gesehen und die WM schon so gut wie gewonnen. Doch dann kam das Abschlusstraining zum Großen Preis von Italien in Monza.

Am 5. September 1970, um genau 15.25 Uhr stand die Formel-1-Welt still. Als sie sich langsam weiterdrehte, fehlte einer. Jochen Rindt, der deutsche Österreicher, der Draufgänger mit dem Raubvogelgesicht, der Waghalsige, der Mutige, der Begnadete, der Lässige, der Coole, der Charmeur, der Publikumsliebling, der Ehemann, der Vater, der erste Popstar der Formel 1. Und zwei Monate nach seinem Tod auch ihr Weltmeister, der erste, der posthum geehrt wurde.

Ein begnadeter Rennfahrer

Wie ein Tornado war dieser Mann, den viele mit James Dean verglichen, in jenem Sommer 1970 über die Formel-1-Landkarte gefegt. Er gewann die Rennen in Monte Carlo, Zandvoort, Clermont-Ferrand, Brands Hatch und Hockenheim.

Er stellte den Lotus bei seinem Heim-Grand-Prix in Zeltweg auf Platz eins der Startaufstellung und brachte die Alpenrepublik zum Kochen. Dass er im Rennen wegen eines geplatzten Motors ausgerechnet in Österreich nicht das Ziel erreichte, tat der unfassbaren Euphorie um seine Person kaum einen Abbruch. Als Spitzenreiter der WM-Wertung kommt Jochen Rindt schließlich nach Monza.

Er schien unschlagbar

Er schien unschlagbar, hatte unerschütterliches Vertrauen in die eigene Stärke, kannte aber auch die Schwachstelle in seinem WM-Plan: “Ich weiß, dass ich so gut bin, dass ich keine Fehler mache. Aber ich weiß nicht, was ich noch tun kann, wenn etwas am Auto bricht."

Seine Fahrerkollegen sahen in ihm bereits den kommenden Weltmeister. “Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert", wie sein Ferrari-Rivale Jackie Ickx sagte. Das Unvorhergesehene passierte.

“Er war ein Idol. Und ist ein Mythos geblieben“

Das Leben des Mannes, der in Österreich ein Nationalheld war, endete in der Parabolica-Kurve von Monza, an der Leitplanke, eingeklemmt im Wrack seines ultraflachen Lotus 72. „Ich konnte lange Zeit nicht begreifen, dass es geschehen war. Er war mein Idol. Und ist ein Mythos geblieben“, erinnert sich der Österreicher Niki Lauda

Eine gerissene Halsschlagader war die primäre Todesursache, zerfetzt am Armaturenbrett des Autos, das viele Beobachter jener Zeit als rollenden Sarg bezeichneten. Konstrukteur Colin Chapman galt als Genie, allerdings ging er zugunsten der maximalen Geschwindigkeit oft grenzwertige Risiken ein.

Vor der Parabolica bricht die Bremswelle

Im Anflug auf die Parabolica, in der fast auf den Tag genau neun Jahre zuvor am 10. September 1961 Wolfgang Graf Berghe von Trips sein Leben gelassen hatte, bricht in Rindts Lotus eine Bremswelle.

Der hinter ihm fahrende Neuseeländer Denny Hulme hat die Szene danach wohl tausendfach geschildert: “Jochens Auto zuckte kurz nach links, dann nach rechts und schoss dann mit hoher Geschwindigkeit links in die Leitplanken." Der Lotus zerschellte, Rindt wurde aus den Brustgurten gerissen und erlitt beim Aufprall auf Armaturen und Lenkrad die tödlichen Verletzungen.

Aus Angst vor einem Feuerunfall hatter er den Gurt nicht korrekt angelegt

Wenige Wochen zuvor war Rindts Freund Piers Courage ums Leben gekommen. Verbrannt in seinem Auto bei Rennen in Zandvoort/Niederlande. Rindt gewann den Lauf, bei der Siegerehrung wirkte sein Blick leer und traurig.

Weil er selbst einen Feuerunfall fürchtete und schnell aus dem Auto flüchten wollte, legte Rindt den Gurt nicht korrekt an. Vielleicht hätte ihn dieser Oberschenkelgurt gerettet. Er verblutet im Krankenwagen, dessen Fahrer vergeblich versucht, auf dem Weg in die Klinik dem Chaos von Monza rechtzeitig zu entkommen.

“Für uns ist Jochen der Weltmeister“

Seine letzte Ruhe fand Jochen Rindt auf dem Zentralfriedhof in Graz. Bei der Beerdigung sprach sein Rennfahrerkollege Joakim Bonnier aus, was alle dachten:

“Egal, was in den nächsten Wochen noch passiert, für uns ist Jochen der Weltmeister." Als Jacky Ickx im vorletzten Saisonrennen in den USA nur Vierter wurde, stand Rindt als Champion fest. Uneinholbar war der Vorsprung, den er in jenem legendären Sommer 1970 herausgefahren hatte.

Für Rindt hatte Sicherheit oberste Priorität

Die Sicherheit lag Jochen Rindt immer am Herzen. Wenige Wochen vor seinem Tod hatte er als Sprachrohr der Fahrer den Wechsel des deutschen Grand Prix vom Nürburgring nach Hockenheim erzwungen, weil die Eifel zu wenig Auslaufzonen bot.

Dennoch wusste er, auf was er sich einließ, als er Ende 1968 den Vertrag bei Colin Chapman unterschrieb: "Mit Lotus kann ich Weltmeister werden oder in zwei Jahren tot sein." Er behielt auf tragische Weise recht.